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Erfolg für das BORG Linz bei den Philolympics
Linz - 24.02.2026
Die Schulsieger:innen 2026
© Borg Linz
Großer Erfolg für das BORG Linz: Constantin Tartarone (8kl) konnte auch beim diesjährigen Philolympics-Landeswettbewerb die Jury mit seinem philosophischen Essay überzeugen. Wie bereits im Vorjahr zählt er damit zu den vier Landessieger:innen und wird Oberösterreich beim Bundeswettbewerb von 22. bis 25. März in Salzburg vertreten.
Am philosophischen Essayschreiben am BORG Linz am 13.01.2026 nahmen neben Constantin auch Manuela Kargl, Elena Karl und Raul Chereji (alle 8kl) sowie Paul Streinz (8p) und David Karadjov (7n) teil. Die Teilnehmer:innen hatten vier Stunden Zeit, zu einem von vier vorgegebenen Zitaten einen philosophischen Essay zu verfassen.

Constantin setzte sich mit einem Zitat von Friedrich Nietzsche auseinander: „Wie? Ist der Mensch nur ein Fehlgriff Gottes? Oder Gott nur ein Fehlgriff des Menschen?“ Auch Manuela Kargl qualifizierte sich für den Landeswettbewerb. In ihrem Essay zum Zitat „Menschen widmen all ihre Kräfte einer Erweiterung unserer Möglichkeiten, während nur Philosophie fragt, was wir mit diesen anfangen sollen.“ plädierte sie eindrucksvoll für die Philosophie.

Eine schulinterne Siegerehrung würdigte die Leistungen aller Teilnehmer:innen.
Die offizielle Preisverleihung des Landeswettbewerbs fand am 11.02. in der Linzerie statt. Das Rahmenprogramm bot neben der Begrüßung durch SQM Mag.a Kern-Klambauer (Bildungsdirektion OÖ) einen geistreichen Vortrag von Roland Luft zum Thema „Über die Dummheit“, der zu lebhaften Diskussionen anregte. 

Als Organisatorin des Landeswettbewerbs gilt mein besonderer Dank Direktor Jürgen Eder für die Unterstützung des Essayschreibens am BORG, Kollegin Gabriele Paquor-Rosenberger für das Lesen der Essays sowie allen teilnehmenden Schüler:innen.

Infos zu Philolympics und zu den Ergebnissen des Landeswettbewerbs auf Philolympics online

Siegeressay von Constantin Tartarone, 8kl
„Wie? Ist der Mensch nur ein Fehlgriff Gottes? Oder Gott nur ein Fehlgriff des Menschen?“

Die Kritik des Philosophen richtet sich bevorzugt auf die Religion, da sie als eine besonders sichtbare Sinninstanz gesellschaftliche Ungerechtigkeiten stabilisieren kann. Diese Stellenwertsetzung ist legitim und nachvollziehbar, läuft sie allerdings Gefahr, den Blick auf andere Sinninstanzen zu verengen. Denn nicht nur religiöse, sondern auch wissenschaftliche, politische und sogar anthropologische Sinninstanzen können, durch menschliche Fehlinterpretationen, Machtinteressen und ideologische Verhärtungen, das menschliche Handeln in problematische Bahnen lenken. Das wohl augenscheinlichste Beispiel hierfür sollte der Darwinismus sein, der von den Nationalsozialisten wiederholt missbraucht wurde, um ihre faschistischen Weltanschauungen zu belegen. Aber auch Gott und die vor ihm stehende Kirche hat in der Vergangenheit zu weitestgehender Unterdrückung und Notständen in der Gesellschaft geführt. Hier bahnt sich eine erhebliche Frage an: Muss Gott als Sinninstanz und Antriebskraft hinter dem Handeln seiner Gläubigen vernichtet werden, sodass auch das in seinem Namen womöglich praktizierte Böse im Keim erstickt werden kann, noch bevor es Form annimmt?

Im Folgenden wird der Begriff „Gott“ nicht rein im religiösen oder theologischen Sinne verwendet. Zwar richtet sich Nietzsches Frage ursprünglich gegen den christlichen Gottesbegriff, soll er hier allerdings bewusst erweitert verstanden werden. Daher bezeichnet „Gott“ jede Instanz, der ein Mensch eine bedeutsame Sinn- und Orientierungsfunktion in seinem Leben überträgt. Diese begriffliche Öffnung soll den religiösen Glauben keinesfalls relativieren! 

Wenn „Gott“ als Sinninstanz über die banale Vorstellung eines bärtigen Greises, der im Schutze seiner Wolke ruht und mit Blitz und Donner seine Unzufriedenheit kundtut, weitestgehend hinausgeht, kann er folglich jede erdenkliche Form annehmen, in der er sinngebend wirkt und aus der ein Mensch ihm Sinn abgewinnen kann. Dies kann die vorher genannte Wissenschaft sein, das allgemeine Wohl, der akademische oder karrierespezifische Erfolg, der Herzschlag für einen Zinnmann oder die Gesundheit eines Geliebten als anstrebbares Ziel; die Beispiele häufen sich an ohne ein klares Ende zu nehmen. Selbstverständlich ist der „Vielgötterglauben“ – die Vereinigung mehrere Sinninstanzen– kein Ding der Unmöglichkeit oder das Resultat des menschlichen Scheiterns, sich für einen Sinn zu entscheiden. Im Gegenteil sogar! – der Vielgötterglaube ist förderlich, ja, unumgänglich und die einzige Art zu existieren. Ebenso kann es gewiss nicht schaden, einen bislang treu ausgelebten Sinn abzulegen, ihm den Rücken zu kehren und sich einer neu entdeckten Sinninstanz zu vertrauen. Folglich ist es auch kein persönliches Versagen, von einem Denkanstoß getrieben die Schritte im Sand zurückzuverfolgen und zu dem ehemals abgelegten Sinn zurückzukehren. In vielerlei Fällen entgeht dem Menschen der genaue Zeitpunkt, wann er die neu entdeckte Lehre einer Sinnesinstanz in sein Leben übernommen hat. Erst wesentlich später – und in manchen Fällen sogar nie – erfasst er, dass das, was er vollrichtet hat und in der Zukunft noch weiterhin tun wird, seit jeher einem unbewusst in sein Leben übernommenen Sinn entstammt. Das angestammte, urzeitliche Trachten nach Leben und Überleben, das sich sogar noch vor der frühzeitlichen Persönlichkeitsentwicklung und Meinungsbildung bewahrt, wird in Betrachtung der Sinninstanzen aufgrund seiner mangelnden Komplexität, ja, Banalität gern wissend belächelt; doch dieses so primitiv wirkende Begehren markiert die wohl bedeutsamste Sinninstanz in unserem Leben. Auch Gott als Spitzenfigur des religiösen Glaubens, dem eine treue Anhängerschaft Folge leistet, stellt eine weitere Sinninstanz dar. Sinninstanzen und ihre Funktionsweise sind für uns Menschen nicht ausschlagbar; Sinn ist lebensgebend und – noch viel mehr – lebensnotwendig! Somit kann Nietzsches Frage nach der Sinnhaftigkeit von Mensch und Gott schon zum Teil entziffert werden: Gott, als eine von zahllosen Sinninstanzen, denen sich der Mensch unweigerlich auf der Bewältigung seines Lebensweges zuwenden wird, ist nicht notwendigerweise ein Fehlgriff des Menschen. Der Sinn als Antriebskraft ist für den Menschen unentbehrlich, ja, lebensentscheidend; ob wissenschaftlich, religiös oder schöpferisch, ist rein sekundär.

Genauso ist auch der Mensch kein Fehlgriff Gottes, denn, um auf seine Natur als beschränkte Sinninstanz zurückzuführen, kann er nur so lange wirken, wie er über eine Gefolgschaft verfügt, die ihn Bereitschaft zeigend als Sinn annehmen wird. Kehrt sich ein Mensch endgültig von ihm ab, verliert Gott augenblicklich die vollständige Wirkung über das Leben dieses Menschen und in weiterer Folge seine Position als einflussreicher Gott für ihn. Auch in der Wissenschaft oder im Personenkult, also in anderen Sinninstanzen, lässt sich das Schema von der menschlichen Abhängigkeit erfassen. Die Befehle eines Tyrannen sind nur dann relevant, wenn er eine zuverlässige Gefolgschaft um sich hat, die seine Lehren in ihr eigenes Leben übernehmen, seinen Kommandos konsequent Folge leisten und in die Tat umsetzen wird. Ein Brunnen kann noch so vollgelaufen sein mit eiskaltem, erfrischendem Nass – lehnt das Dorf ihn ab und sucht es in einem anderen Brunnen das erquickende Quellwasser mit dem sie die Häuser, Bäder und wissensdurstigen Mäuler der Menschen versorgen werden, ist er doch nur ein ersetzbares Geröll in der Landschaft. Das wahrheitstragende, belehrende Wasser wird ihn nicht vor seinem Schicksal bewahren. 

Gott ist also kein autonomes Subjekt, sondern eine handlungsleitende Struktur! Er existiert nicht unabhängig von seinen Gläubigern in einem luftleeren Raum; er wirkt ausschließlich im eingespielten „Ich-Du-Verhältnis“ von Mensch und Gott, Lehrling und Meister.

Der Sinn ist mein Gott und ich bin sein Gott; das macht uns zu gegenseitigen Verehren und voneinander abhängig. Nietzsches Frage hat sich somit vollständig geklärt: Alle Sinninstanzen, und so auch Gott, verleihen dem Menschen eine individuelle, überlappbare, ablegbare als auch wiederannehmbare Bedeutung im Leben; für manch einen mag Gott der unentbehrliche Sinn sein, der um keinen Preis abhandenkommen darf. Verliert er Gott, so verliert er die maßgeblich sinnschenkende Einrichtung in seinem Leben. Was dann bleibt, ist eine tiefgreifende Orientierungslosigkeit und das Herumirren zwischen scheinbar völlig belanglosen Sinnfetzen. Aber auch Gott selbst ist kein omnipotentes Wesen; er ist nicht einmal ein Wesen an sich, sondern bloß eine sinnübertragende Struktur, die ihren Einfluss dann vollständig verliert, wenn sich der Mensch nicht länger mit ihm auseinandersetzt, seine Arbeit an der Gotteskritik ganzheitlich einstellt und ihn aus den Köpfen der Mitmenschen verdrängt. Verliert Gott den Menschen, so verliert er sich selbst. Er verliert sein göttliches Wirken und Funktionieren als Sinnstifter.
Zuletzt wirft die eingespielte Wechselwirkung aus Mensch und Gott erneut die langbewährte Frage auf, ob wir Gott als Sinninstanzen tolerieren dürfen, wo sein Einfluss den Menschen bekanntermaßen so oft dazu verleitet, Böses zu tun. Eine Welt, in der die Sinninstanzen nicht missbraucht werden können, weil sie gar nicht existieren – eine sinnbefreite Welt also – liefert hierbei die ernüchternde Antwort: Wo es Sinn nicht gibt, kann Böses gar nicht erst in Erscheinung treten und toleriert werden.

Hier treffe ich Nietzsche, nachdem ich sein Rätsel erfolgreich entziffern konnte. Ich begegne ihm vor der geteilten Angst vor dem existentiellen Nihilismus. Denn in einer vom menschlichen Sinn vollständig bereinigten Gesellschaft, in der Leid und Schmerz in die Abgründe der Unmöglichkeit verbannt wurden, entgeht dem Menschen gleichzeitig auch die einzigartige Chance auf unermessliches Glück. Sowohl Gut als auch Böse sprießen auf ein und demselben Fundament, also dem abgenommenen Sinn der Sinnstiftungen; eine Welt kann nur dann weder Schmerz noch Heil kennen, wenn sie von einer allgegenwärtigen Bedeutungslosigkeit gekennzeichnet wird. Allerdings ist die Bedeutungslosigkeit ein noch viel größeres Übel als die lauernde Gefahr des Bösen. Schließt eine Welt das Böse aus, verscheucht sie gleichermaßen auch das Gute; eine erhebliche Fehlentscheidung. Denn gerade dann, wenn die Welt in Schutt und Asche liegt, kann das wahrlich glücksbringende Potenzial der Sinninstanzen in den Vordergrund treten, wenn die Menschen ihre Köpfe zusammenstecken und mit ihren gebündelten Kräften Flüsse in einer verwüsteten Landschaft freilegen. Ein Beispiel: Das Asyl, das wir geflüchteten Menschen zur Verfügung stellen oder die alltäglichen freundschaftlichen Gesten. Die kollektive Reflexion über den Sinn, dessen Ausführung man seinem Leben verschreibt, wird uns nicht davor bewahren, den bösen Tendenzen des Menschseins zum Opfer zu fallen. So schön dieser Gedanke auch sein mag, bleibt er doch nur ein trostspendendes Hirngespinst; eine sinnhabende, von Menschen bevölkerte Welt wird sich niemals von der Präsenz des Bösen frei sagen können. Stattdessen müssen wir sie als notwendigerweise auftretende Erscheinung einer sinntragenden Welt in Kauf nehmen, wenn wir die Aussicht auf Heilung und Erlösung empfangen wollen. Gut wie Böse werden in einer sinnhabenden, vom Menschen bewohnten Welt immerzu Ausdruck finden, denn wo der Mensch vegetiert und sich dem Sinn bedarf, wird er seiner Natur als gutes wie böses Wesen Ausdruck verleihen. Der „Götterkrieg“ von im Konflikt zueinanderstehender Sinne wird sich so lange bewähren, wie die Menschheit aus den unerschöpflichen Brunnen der Weisheit Sinn empfängt. Religionskriege, Straßenkeilerein, ja, selbst der Höhlenmensch, der einen Unschuldigen erlegt, werden niemals vom Antlitz der Welt verscheiden, da sie nimmersatt vom Sinn naschen. In gleicher Manier kann aber auch gleißendes Licht dem Sinn entsteigen: Versöhnung, Friedensabkommen, der Höhlenmensch der seinem Nächsten Essen reicht und ihm beim Kampf ums Überleben unter die Achseln greift. 

Gott ist kein Fehlgriff des Menschen – sein von den Menschen übersetzter Sinn kann zu unbeschreiblichem Glück in der Welt führen. Ebenso ist der Mensch kein Fehlgriff Gottes – seine Position als Gott ist auf des Menschens Interesse an ihm angewiesen! Letztlich erweist es sich als die angeborene wie zeitlose Verantwortung eines jeden Menschen, sich über die Sinninstanzen in Kenntnis zu setzen, sie zu vergleichen, an ihnen zu grübeln, und darin Erkenntnis als auch Selbstreflexion zu suchen. Er soll mit dem erworbenen Sinn handeln, auf die Sinnquellen regelmäßig zurückgreifen, um Balance im Alltag zu finden, doch in gleicher Weise auch die Bereitschaft zeigen, sie entschieden hinter sich zu lassen, wenn die Zeit reif ist. Er wird ihm überall begegnen - und mit etwas Glück wird der Mensch sogar unberührten Sinn entdecken, ihn finden vor seiner Haustüre, im Zwiegespräch mit Menschen, beim Lesen eines Essays oder im funkelnden Wasser des Brunnens. 

Prof. Martina Mimra
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© Mimra

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Die Kritik des Philosophen richtet sich bevorzugt auf die Religion, da sie als eine besonders sichtbare Sinninstanz gesellschaftliche Ungerechtigkeiten stabilisieren kann. Diese Stellenwertsetzung ist legitim und nachvollziehbar, läuft sie allerdings Gefahr, den Blick auf andere Sinninstanzen zu verengen. Denn nicht nur religiöse, sondern auch wissenschaftliche, politische und sogar anthropologische Sinninstanzen können, durch menschliche Fehlinterpretationen, Machtinteressen und ideologische Verhärtungen, das menschliche Handeln in problematische Bahnen lenken. Das wohl augenscheinlichste Beispiel hierfür sollte der Darwinismus sein, der von den Nationalsozialisten wiederholt missbraucht wurde, um ihre faschistischen Weltanschauungen zu belegen. Aber auch Gott und die vor ihm stehende Kirche hat in der Vergangenheit zu weitestgehender Unterdrückung und Notständen in der Gesellschaft geführt. Hier bahnt sich eine erhebliche Frage an: Muss Gott als Sinninstanz und Antriebskraft hinter dem Handeln seiner Gläubigen vernichtet werden, sodass auch das in seinem Namen womöglich praktizierte Böse im Keim erstickt werden kann, noch bevor es Form annimmt?

Im Folgenden wird der Begriff „Gott“ nicht rein im religiösen oder theologischen Sinne verwendet. Zwar richtet sich Nietzsches Frage ursprünglich gegen den christlichen Gottesbegriff, soll er hier allerdings bewusst erweitert verstanden werden. Daher bezeichnet „Gott“ jede Instanz, der ein Mensch eine bedeutsame Sinn- und Orientierungsfunktion in seinem Leben überträgt. Diese begriffliche Öffnung soll den religiösen Glauben keinesfalls relativieren! 

Wenn „Gott“ als Sinninstanz über die banale Vorstellung eines bärtigen Greises, der im Schutze seiner Wolke ruht und mit Blitz und Donner seine Unzufriedenheit kundtut, weitestgehend hinausgeht, kann er folglich jede erdenkliche Form annehmen, in der er sinngebend wirkt und aus der ein Mensch ihm Sinn abgewinnen kann. Dies kann die vorher genannte Wissenschaft sein, das allgemeine Wohl, der akademische oder karrierespezifische Erfolg, der Herzschlag für einen Zinnmann oder die Gesundheit eines Geliebten als anstrebbares Ziel; die Beispiele häufen sich an ohne ein klares Ende zu nehmen. Selbstverständlich ist der „Vielgötterglauben“ – die Vereinigung mehrere Sinninstanzen– kein Ding der Unmöglichkeit oder das Resultat des menschlichen Scheiterns, sich für einen Sinn zu entscheiden. Im Gegenteil sogar! – der Vielgötterglaube ist förderlich, ja, unumgänglich und die einzige Art zu existieren. Ebenso kann es gewiss nicht schaden, einen bislang treu ausgelebten Sinn abzulegen, ihm den Rücken zu kehren und sich einer neu entdeckten Sinninstanz zu vertrauen. Folglich ist es auch kein persönliches Versagen, von einem Denkanstoß getrieben die Schritte im Sand zurückzuverfolgen und zu dem ehemals abgelegten Sinn zurückzukehren. In vielerlei Fällen entgeht dem Menschen der genaue Zeitpunkt, wann er die neu entdeckte Lehre einer Sinnesinstanz in sein Leben übernommen hat. Erst wesentlich später – und in manchen Fällen sogar nie – erfasst er, dass das, was er vollrichtet hat und in der Zukunft noch weiterhin tun wird, seit jeher einem unbewusst in sein Leben übernommenen Sinn entstammt. Das angestammte, urzeitliche Trachten nach Leben und Überleben, das sich sogar noch vor der frühzeitlichen Persönlichkeitsentwicklung und Meinungsbildung bewahrt, wird in Betrachtung der Sinninstanzen aufgrund seiner mangelnden Komplexität, ja, Banalität gern wissend belächelt; doch dieses so primitiv wirkende Begehren markiert die wohl bedeutsamste Sinninstanz in unserem Leben. Auch Gott als Spitzenfigur des religiösen Glaubens, dem eine treue Anhängerschaft Folge leistet, stellt eine weitere Sinninstanz dar. Sinninstanzen und ihre Funktionsweise sind für uns Menschen nicht ausschlagbar; Sinn ist lebensgebend und – noch viel mehr – lebensnotwendig! Somit kann Nietzsches Frage nach der Sinnhaftigkeit von Mensch und Gott schon zum Teil entziffert werden: Gott, als eine von zahllosen Sinninstanzen, denen sich der Mensch unweigerlich auf der Bewältigung seines Lebensweges zuwenden wird, ist nicht notwendigerweise ein Fehlgriff des Menschen. Der Sinn als Antriebskraft ist für den Menschen unentbehrlich, ja, lebensentscheidend; ob wissenschaftlich, religiös oder schöpferisch, ist rein sekundär.

Genauso ist auch der Mensch kein Fehlgriff Gottes, denn, um auf seine Natur als beschränkte Sinninstanz zurückzuführen, kann er nur so lange wirken, wie er über eine Gefolgschaft verfügt, die ihn Bereitschaft zeigend als Sinn annehmen wird. Kehrt sich ein Mensch endgültig von ihm ab, verliert Gott augenblicklich die vollständige Wirkung über das Leben dieses Menschen und in weiterer Folge seine Position als einflussreicher Gott für ihn. Auch in der Wissenschaft oder im Personenkult, also in anderen Sinninstanzen, lässt sich das Schema von der menschlichen Abhängigkeit erfassen. Die Befehle eines Tyrannen sind nur dann relevant, wenn er eine zuverlässige Gefolgschaft um sich hat, die seine Lehren in ihr eigenes Leben übernehmen, seinen Kommandos konsequent Folge leisten und in die Tat umsetzen wird. Ein Brunnen kann noch so vollgelaufen sein mit eiskaltem, erfrischendem Nass – lehnt das Dorf ihn ab und sucht es in einem anderen Brunnen das erquickende Quellwasser mit dem sie die Häuser, Bäder und wissensdurstigen Mäuler der Menschen versorgen werden, ist er doch nur ein ersetzbares Geröll in der Landschaft. Das wahrheitstragende, belehrende Wasser wird ihn nicht vor seinem Schicksal bewahren. 

Gott ist also kein autonomes Subjekt, sondern eine handlungsleitende Struktur! Er existiert nicht unabhängig von seinen Gläubigern in einem luftleeren Raum; er wirkt ausschließlich im eingespielten „Ich-Du-Verhältnis“ von Mensch und Gott, Lehrling und Meister.

Der Sinn ist mein Gott und ich bin sein Gott; das macht uns zu gegenseitigen Verehren und voneinander abhängig. Nietzsches Frage hat sich somit vollständig geklärt: Alle Sinninstanzen, und so auch Gott, verleihen dem Menschen eine individuelle, überlappbare, ablegbare als auch wiederannehmbare Bedeutung im Leben; für manch einen mag Gott der unentbehrliche Sinn sein, der um keinen Preis abhandenkommen darf. Verliert er Gott, so verliert er die maßgeblich sinnschenkende Einrichtung in seinem Leben. Was dann bleibt, ist eine tiefgreifende Orientierungslosigkeit und das Herumirren zwischen scheinbar völlig belanglosen Sinnfetzen. Aber auch Gott selbst ist kein omnipotentes Wesen; er ist nicht einmal ein Wesen an sich, sondern bloß eine sinnübertragende Struktur, die ihren Einfluss dann vollständig verliert, wenn sich der Mensch nicht länger mit ihm auseinandersetzt, seine Arbeit an der Gotteskritik ganzheitlich einstellt und ihn aus den Köpfen der Mitmenschen verdrängt. Verliert Gott den Menschen, so verliert er sich selbst. Er verliert sein göttliches Wirken und Funktionieren als Sinnstifter.
Zuletzt wirft die eingespielte Wechselwirkung aus Mensch und Gott erneut die langbewährte Frage auf, ob wir Gott als Sinninstanzen tolerieren dürfen, wo sein Einfluss den Menschen bekanntermaßen so oft dazu verleitet, Böses zu tun. Eine Welt, in der die Sinninstanzen nicht missbraucht werden können, weil sie gar nicht existieren – eine sinnbefreite Welt also – liefert hierbei die ernüchternde Antwort: Wo es Sinn nicht gibt, kann Böses gar nicht erst in Erscheinung treten und toleriert werden.

Hier treffe ich Nietzsche, nachdem ich sein Rätsel erfolgreich entziffern konnte. Ich begegne ihm vor der geteilten Angst vor dem existentiellen Nihilismus. Denn in einer vom menschlichen Sinn vollständig bereinigten Gesellschaft, in der Leid und Schmerz in die Abgründe der Unmöglichkeit verbannt wurden, entgeht dem Menschen gleichzeitig auch die einzigartige Chance auf unermessliches Glück. Sowohl Gut als auch Böse sprießen auf ein und demselben Fundament, also dem abgenommenen Sinn der Sinnstiftungen; eine Welt kann nur dann weder Schmerz noch Heil kennen, wenn sie von einer allgegenwärtigen Bedeutungslosigkeit gekennzeichnet wird. Allerdings ist die Bedeutungslosigkeit ein noch viel größeres Übel als die lauernde Gefahr des Bösen. Schließt eine Welt das Böse aus, verscheucht sie gleichermaßen auch das Gute; eine erhebliche Fehlentscheidung. Denn gerade dann, wenn die Welt in Schutt und Asche liegt, kann das wahrlich glücksbringende Potenzial der Sinninstanzen in den Vordergrund treten, wenn die Menschen ihre Köpfe zusammenstecken und mit ihren gebündelten Kräften Flüsse in einer verwüsteten Landschaft freilegen. Ein Beispiel: Das Asyl, das wir geflüchteten Menschen zur Verfügung stellen oder die alltäglichen freundschaftlichen Gesten. Die kollektive Reflexion über den Sinn, dessen Ausführung man seinem Leben verschreibt, wird uns nicht davor bewahren, den bösen Tendenzen des Menschseins zum Opfer zu fallen. So schön dieser Gedanke auch sein mag, bleibt er doch nur ein trostspendendes Hirngespinst; eine sinnhabende, von Menschen bevölkerte Welt wird sich niemals von der Präsenz des Bösen frei sagen können. Stattdessen müssen wir sie als notwendigerweise auftretende Erscheinung einer sinntragenden Welt in Kauf nehmen, wenn wir die Aussicht auf Heilung und Erlösung empfangen wollen. Gut wie Böse werden in einer sinnhabenden, vom Menschen bewohnten Welt immerzu Ausdruck finden, denn wo der Mensch vegetiert und sich dem Sinn bedarf, wird er seiner Natur als gutes wie böses Wesen Ausdruck verleihen. Der „Götterkrieg“ von im Konflikt zueinanderstehender Sinne wird sich so lange bewähren, wie die Menschheit aus den unerschöpflichen Brunnen der Weisheit Sinn empfängt. Religionskriege, Straßenkeilerein, ja, selbst der Höhlenmensch, der einen Unschuldigen erlegt, werden niemals vom Antlitz der Welt verscheiden, da sie nimmersatt vom Sinn naschen. In gleicher Manier kann aber auch gleißendes Licht dem Sinn entsteigen: Versöhnung, Friedensabkommen, der Höhlenmensch der seinem Nächsten Essen reicht und ihm beim Kampf ums Überleben unter die Achseln greift. 

Gott ist kein Fehlgriff des Menschen – sein von den Menschen übersetzter Sinn kann zu unbeschreiblichem Glück in der Welt führen. Ebenso ist der Mensch kein Fehlgriff Gottes – seine Position als Gott ist auf des Menschens Interesse an ihm angewiesen! Letztlich erweist es sich als die angeborene wie zeitlose Verantwortung eines jeden Menschen, sich über die Sinninstanzen in Kenntnis zu setzen, sie zu vergleichen, an ihnen zu grübeln, und darin Erkenntnis als auch Selbstreflexion zu suchen. Er soll mit dem erworbenen Sinn handeln, auf die Sinnquellen regelmäßig zurückgreifen, um Balance im Alltag zu finden, doch in gleicher Weise auch die Bereitschaft zeigen, sie entschieden hinter sich zu lassen, wenn die Zeit reif ist. Er wird ihm überall begegnen - und mit etwas Glück wird der Mensch sogar unberührten Sinn entdecken, ihn finden vor seiner Haustüre, im Zwiegespräch mit Menschen, beim Lesen eines Essays oder im funkelnden Wasser des Brunnens. 

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